Auslegungssache: 21% gehen zur EU-Wahl

Montag, Mai 04th, 2009 | Author: funky

Nach einer sehr interessanten Lehrveranstaltung habe ich heute erfahren, wie valide gut gemachte empirische Forschung sein kann. Leider nutzt jedoch die beste Forschung und Aufbereitung nur wenig, wenn mit den gesammelten Daten bestimmte Kundengruppen bedient, oder bewusst Schlagzeilen erzeugt werden wollen.

Eines dieser Beispiele ist ein Artikel auf news.ORF.at, welcher sich wiederum auf eine Nachricht der APA (Austria Presse Agentur) bezieht. Die Schlagzeile lautet: “Umfrage: Nur 21 Prozent wollen zur EU-Wahl gehen” – darunter liest man folgendes:

Bei der Europawahl am 7. Juni droht in Österreich und auch in anderen EU-Ländern eine historisch niedrige Wahlbeteiligung.

Wie aus einer der APA vorliegenden unveröffentlichten Eurobarometer-Umfrage im Auftrag des Europaparlaments hervorgeht, gaben EU-weit nur 34 Prozent der Befragten an, dass sie wahrscheinlich zur Wahl gehen werden. In Österreich erklärte nur jeder Fünfte (21 Prozent), wahrscheinlich an dem Urnengang teilzunehmen.

Zunächst möchte ich auf die mitlerweile veröffentlichte Präsentation der Eurobarometer-Umfrage des Gallup-Institutes hinweisen, welche man als PDF auf der Website herunterladen kann.

In dieser findet man die 21% Wahlgeher jedoch nicht. Es wird die aktuelle und zukünftige Erwartung gezeigt, die EU-Bewertung geschildert, es werden einzelne EU-Institutionen genannt und schlußendlich findet man auf der vorletzten Seite eine Aufstellung der Wahlbereitschaft. Diese wird mit 50% für “eher ja” und 49% für “eher nein” angegeben. Im Detail wird noch auf Geschlechtertrennung und Altersstufen unterschieden.

gallup_eurobarometer_europwahlen.jpg

Auch in anderen Publikationen findet man die 21% nicht wieder, so betiteln Standard, News, die Presse sowie die Wiener Zeitung ihre Artikel mit “Liebe war es nie“, “Österreicher finden Gefallen an der EU“, “Österreich hat die rote Laterne abegegeben” oder “Die Krise weckt Gefühle für Europa” und damit durchaus EU-wohlwollend. Wieso greifen diese Blätter die 21% nicht auf, wenn es doch eine so erschreckende Zahl ist, mit der sich doch sicher der eine oder andere Leser fangen lassen würde?

Nur mit der veröffentlichten Version der Eurobarometer Umfrage lässt sich diese Frage nicht ganz beantworten. Was der APA bzw. danach dem ORF in die Hände gefallen ist, war wohl eine derzeit nicht veröffentlichte Detailaufstellung der Wahlbeteiligungsfrage. Hierbei wollte Gallup von den befragten Personen wissen, ob diese sicher, eher schon oder eher nicht bzw. nicht zur Europawahl gehen werden. Als Antwortmöglichkeit gab es dabei eine zehnteilige Skala (von 1 bis 10) wobei das eine Ende für “definitiv nicht” und das andere Ende für “definitiv schon” vorgesehen war.

Die Antworten der Umfrageteilnehmer haben sich auf dieser Skala verteilt, sodass sowohl einige “definitiv nicht” als auch einige “definitiv schon”, die meisten Befragten jedoch einen Wert dazwischen auswählten. Die APA bzw. der ORF hat zur Errechnung jedoch nur den Wert für “definitiv schon” sowie den Wert knapp davor verwendet – so kam man auf die Prozentzahl 21. Dieser stellt praktisch all jene Umfrageteilnehmer dar, welche mit ~87-100% Wahrscheinlichkeit zur Wahl gehen werden.

Was wohl die restlichen ~30%, welche eine Wahrscheinlichkeit zwischen 6 und 8 (~50-87%) angaben, davon halten, dass ihre Meinung einfach weggeschnitten wurde?

Rechnet man diese hinzu erhält man etwa die 50% die auch das Gallup Institut für den “eher ja”-Wert errechnet hat.

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie einfach es sich manche Medien machen um Leser anzulocken. Ich finde es jedoch schade, dass mit solchen Methoden auch bei APA oder dem ORF gearbeitet wird.

Den 21% sicheren Wahlgehern, hätte man demzufolge auch die 19% sicher-nicht Wahlgehern gegenüber stellen müssen. Im ORF Artikel wird jedoch der Anschein gewart, als würden 21% zur Wahl gehen, und 79% würden dies nicht tun.

Ich möchte mit diesem Eintrag manche Leute ein wenig wach rütteln, die – wie auch ich – Artikel des ORF bisher für recht valide gehalten haben. Ich möchte damit jedoch nicht ausdrücken, dass dies auf alle Artikel zutrifft. Ein Großteil der Artikel des ORF sind gut recherchiert. Andererseits reiht sich dieser Artikel hinter all den anderen “Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“-Schriftstücken ein. Dies jedoch mit der Unterstellung, dass es eher selten an der wissenschaftlichen empirischen Forschung, sondern wohl öfter an der Auslegung und Deutung mangelt.

Ich freue mich auf Kommentare und behalte mir einen möglichen Irrtum vor.

Quellenhinweise:
Österr. Gallup Institut/Karmasin Marktforschung
Lehrveranstaltung Wissenschaftliches Arbeiten / Dr. Harald Pitters / FH Wiener Neustadt
ORF/APA/der Standard/die Presse/Wiener Zeitung

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  1. Orgi sagt:

    netter artikel!

    nun zu allererst – wie schon von dir angesprochen: ” traue nie einer statistik … ”

    dass in den medien grundsätzlich alles aufgebauscht und “verheadlined” wird ist klar. dass das ein so staatsnahes unternehmen wie der orf tut is natürlich traurig, hab dem eigentlich auch bisher immer vertraut – besonders erschüttern tuts mich aber eigentlich nicht.
    wenn man wirklich gut UND richtig informiert sein will, is der einfachste und sicherste weg, dass man sich einfach auf meheren seiten darüber informiert – am besten natürlich auf seiten die nicht vom gleichen herausgeber sind oder sonst eine beziehung zueinander haben (wer zb “heute” und “krone” dafür vergleicht, wird nicht die große erleuchtung bekommen). wemma orf.at, standard und presse anschaut, hat man schon mal drei durchwegs utnerschiedliche blickwinkel.. die wahrheit kristallisiert sich dann schon deutlich heraus.

    soweit es aber nicht um statistiken geht, denke ich, kamma orf.at aber doch einigermaßen trauen, hab selber einen monat lang dort gearbeitet – es is ja nicht so, dass da nur EIN redakteur alle berichte schreibt, und wie fast überall sind auch dort einfach “schlechte” und “gute” leute dabei.
    wenns um zahlen geht, wärs natürlich ideal, wenn der autor die quelle dazu angibt – eine nachvolziehbare quelle.

    ahja, über dramaturgische und grammatikalische fähigkeiten der redakteure sollte man dabei aber hinwegsehen (-;

  2. Cayo sagt:

    Hallo zusammen!

    EU-Wahl, ein leidliches Thema, trotzdem haben wir sie.

    Wir schätzen die Wahlbeteiligung bei uns in Mödling auf ca. 50%. Bundesweit wird Sie Parteiintern sogar auf nur 40% geschätzt.

    Wir tun natürlich alles um die Leute zur Wahl zu bekommen, aber wen interessiert schon die EU-Wahl?

    Die ÖVP schreibt auf den Wahlplakaten: “EU wählt – ÖSTERREICH entscheidet”, nur was entscheidet Österreich wirklich? Unsere paar Abgeordneten haben kaum Stimmgewalt im Europaparlament. (Persönliche Meinung: EU kostet nur Geld sonst nix.)

    Die Kronen Zeitung versucht jetzt mittlerweile schon täglich zu mobilisieren für die EU-Wahl. Bekanntlicherweise ist der Hr. Dichand ja ein Freund des Hrn. Martin.
    Hr. Martin selber gibt sich sehr sehr EU kritisch und will Skandale aufdecken – mal ehrlich, habt ihr die letzten 4 Jahre irgendwas gehört von ihm, ausser seine Wahlschlappe? :D

    Ich hoffe jedenfalls über rege Wahlbeteiligung. Ich darf ja wieder mal im Wahlsprengel sitzen – hier im Mödling der Kleinste. Das ist zwar bei normalen Wahlen sehr gemütlich weil du im Durchschnitt alle 5 Minuten einen Wähler hast, wenn die Wahlbeteiligung jedoch drastisch sinkt, sinds nur mehr alle 10-15 Minuten ein Wähler und dann wirds langweilig ;)

  3. funky sagt:

    Dann drück ich dir mal die Daumen, dass es dir nicht zu langweilig wird :)

    Ich glaube die EU hat mir persönlich mehr gebracht als geschadet. Der Euro oder die Schengengrenzen haben sich zumindest für mich ausgezahlt.

    Unter der Grenzöffnung leiden vor allem jene Betriebe und Arbeitnehmer die nicht “effizient” genug arbeiten (Zumindest in der Theorie). Dass die Umverteilung von Ressourcen (Umschulung, Unternehmenswanderung) ein Prozess ist, der nicht von heute auf morgen stattfinden kann, ist den meisten klar. Bis dahin müssen sicher viele den Gürtel enger ziehen und sind auf Unterstützung angewiesen.

    Laut Hr. Dr. Pitters (Gallup Institut) werden die EU Gegner langsam aber sicher immer mehr zurückgehen. Wie man sehr schön im Diagramm sieht, sind es vor allem die älteren Generationen, die noch EU-Skeptisch sind, während die Jungen durchaus dafür zu gewinnen sind. Umso länger es die EU geben wird, umso mehr werden dafür sein :)

  4. Cayo sagt:

    Hmm funky, das seh ich leider genau anders.

    Die EU Gegner werden vorallem in den nächsten Jahren wieder extrem ansteigen.

    Das Ergebnis der Volksabstimmung über den EU Beitritt ist uns wohl noch allen bekannt, obwohl die meisten hier nicht mitgestimmt haben ;)

    Danach ging die Zufriedenheit mit der EU nach oben bis zum Euro. Danach fiel die Zufriedenheit wieder auf ein historisches tief. Schön langsam hat es sich wieder beruhigt und die Zufriedenheit stieg wieder an. Mit dem bevorstehenden neuen EU Vertrag ist die Zufriedenheit hingegen wieder drastisch nach unten gesunken (siehe große überparteiliche Demos in Wien….). Teilweise ist die Zufriedenheit seither wieder leicht aber unessentiell gestiegen.

    Mit dem geplanten Beitritt der Türkei uns Israels zur EU schafft sich die EU in Österreich jedoch auch kaum Freunde und somit werden die EU Skeptiker wieder mehr werden.

    Generell ein Konzept einer Europäischen Union ist natürlich zu begrüßen, jedoch der Apparat, wie er jetzt arbeitet, ist absolut unbrauchbar und nicht für den Büger sondern für die Wirtschaft.

  5. funky sagt:

    @Beitritte:

    Gerade was den Beitritt von neuen Ländern zur EU angeht, sprechen sich Österreich, Deutschland, Frankreich und andere deutlich dagegen aus.

    Was ich aus der Vorlesung gestern mitnehmen konnte, arbeitet hier der EU-Apparat deutlich gegen die Stimmung von vielen Mitgliedsländern. Diese würden sich eher eine Konsolidierung und Überarbeitung wünschen, als auf Gedeih und Verderb neue Mitglieder aufzunehmen.

    Ich sehe derzeit auch keine Notwendig darin, neue Mitglieder aufzunehmen. Mir wäre es wichtiger, die bestehenden Systeme zu verbessern. Ob dies nur mit einem neuen EU-Vertrag möglich ist, möchte ich außen vor halten. Bezüglich EU-Vertrag gibt es sehr viele wohlwollende, aber auch sehr viele gegnerische Stimmen.

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