Tagebuch eines ÖBB-Pendlers

Freitag, März 05th, 2010 | Author: Orgi

Freitag, 5. März 2010. Wiener Neustadt.

7.45 Uhr. Der Wecker klingelt. Aufstehen, Besuche im Badezimmer und natürlich im WASD-Forum.

8.20 Uhr. Aufbruch zum Bahnhof. Der Plan: 8.33 mit dem InterCity nach Wien, um 9 in Meidling in die U-Bahn, um halb 10 auf der Uni, um 10 Beginnt die Vorlesung (Universitätsstraße 5, 1010 Wien). Es ist eine Blockveranstaltung, und heute ist der erste Tag – Pünktlichkeit ist also angesagt, darum die halbe Stunde Puffer.

8.32 Uhr. Gerade am Bahnsteig angekommen, der IC ist schon weg. Halb so schlimm, der Regionalzug fährt fünf Minuten später. Er macht zwar einige Zwischenstopps und ist deswegen langsamer als der IC, aber damit hätte ich den Puffer aufgebraucht und wäre noch pünktlich. Alles ok.

8.45 Uhr. Wir halten in Leobersdorf. Wir halten sehr lange. Durchsage: “Wegen eines Defektes wird sich die Wartezeit um einige Minuten verzögern.” Der Zug fährt nicht weiter. Nicht so schlimm, die paar Minuten, denk ich mir – ich hab immerhin was zu lesen dabei. Nur die zwei Krocha schräg neben mir nerven ein bisschen mit ihren Kommentaren. Sie sind auch arm, sie würden gerne Rauchen und traun sich nicht rausgehn, weil der Zug ja vielleicht weiterfährt…

9 Uhr. Wir stehen noch immer. Weitere Durchsage, diesmal von einer weiblichen Stimme –
offenbar Schaffner-Dienstwechsel, oder vielleicht meinte die ÖBB, diese Nachricht wäre mit einer zierlichen Frauenstimme formuliert weniger verärgernd – : “Wegen eines Defektes in einer Oberleitung wird sich die Weiterfahrt um 30 Minuten verzögern. Wir bitten um Ihr Verständnis.”
Ein Raunen geht durch den Waggon. Die Krocha eilen auf den Bahnsteig um ihrem Laster zu fröhnen. Einige Leute, die erst in Leobersdorf eingestiegen sind, verlassen ebenfalls den Zug. Mittlerweile steht ein zweiter Zug am Nachbarbahnsteig, auch dieser wartet Vergeblich auf die Weiterfahrt.
Ich werde doch langsam nervös – neue LVA, erste Stunde, Anmeldung, Organisatorisches, etc… und ich sollte in einer knappen Stunde vor Ort sein. Keine Chance. Fast noch schlimmer sind für meine Nerven aber sind die beiden Krocha, die sich nach ihrer Rauchpause frisch stinkend wieder neben mir eingefunden haben und sich jetzt lautstark am Heute-Kreuzworträtsel versuchen: “Männlicher Nachkomme mit vier Buchstaben – ‘S’ – ‘O’ … na, i scheiß drauf!”

9.15 Uhr. Die nächste Lautsprecherdurchsage: “Eine Weiterfahrt ist auf Grund der beschädigten Oberleitung nicht möglich. Dieser Zug wendet und fährt wieder nach Wiener Neustadt.” WTF ?? Zuerst lässt uns die ÖBB ohne genaue Infos eine halbe Stunde warten, unsere Termine verschieben und uns schon mal für den Erwarteten Wutanfall bei so manchem Chef vorbereiten – und dann drehen sie einfach um ?? Ich kanns kaum glauben – aber sieben Minuten später setzt sich der Zug wirklich wieder in Bewegung – Richtung Süden, also Wiener Neustadt. Wo keiner von uns hin wollte. Das Gemaule und die Unzufriedenheit im Zug wächst, und schließlich sieht man auch die Besitzerin der zierlichen Frauenstimme im Schaffnerkostüm vorbeigehen – mit eingezogenem Hals und eher scheu dreinblickend, versucht sie möglichst schnell zu sein, um nicht angesprochen zu werden. Man ist versucht, Mitleid und Verständnis aufzubringen – kein ÖBB-Mitarbeiter wird die Oberleitung absichtlich angesägt haben, unsere Schaffnerin schon gar nicht. Aber das zum Beispiel ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wird oder ähnliches – darauf hätte man schon hoffen können. Aber gut. ÖBB.

9.28 Uhr. Wir sind schon fast wieder am Ausgangspunkt angekommen, da ertönt die letzte Durchsage unseres lauschigen Freitagmorgenausfluges: “Den Reisenden nach Wien raten wir, in die S5 umzusteigen, diese fährt über die Pottendorferlinie, wo keine Störungen vorliegen.” Sehr schön, keine Störungen – dafür eine Strecke bei der die reine Fahrtzeit schon mal 50 Minuten beträgt – dazu bleibt eine Schnellbahn (Wie die zu ihrem Namen kommt frage ich mich schon) in jedem Kuhkaff stehen. LVA ade. Meine Schwester, die mir SMS-technisch Trost spendet, rät mir, gleich zu Hause zu bleiben. Hätte ich auch gern getan, aber irgendwie muss man ja auch mal sein Studium fertigbekommen.

9.31 Uhr. Wir kommen in Wiener Neustadt an (Déjà-vu). Ein Blick auf den Monitor verrät uns, dass die S5 nach Wien um 9.45 abfährt. Um die geschätzten eineinhalb Stunden Fahrtzeit zu umgehen mache ich mich auf den Weg zum Kassenschalter um einmal nachzufragen. Vor mir zwei Mädels, die das gleiche Problem haben und viel zu freundlich fragen, wie sie nun am Besten nach Wien kommen. Die Antwort der Dame am Kassenschalter bringt mich fast zur Weißglut: “Naja, am schnellsten wär der InterCity um 9.33, der fährt direkt über Pottendorf ohne stehen zu bleiben… oops, der ist soeben abgefahren.” Warum bitte sagt uns das nicht auch gleich die Dame im Zug? Als wir vor fünf Minuten ankamen war der IC noch da. Vielen Dank. Aber es geht weiter. Die Mädels (ich konnte nicht umhin, mich auch schon einzumischen, die beiden waren mir viel zu freundlich) schildern der Dame, die offensichtlich nichts von unserem Schicksal weiß (“Ich hör hier herinnern keine Lautsprecherdurchsagen…”), unsere Geschichte, von dem Zug, der wieder umgedreht hat. Darauf die Schalterdame: “Oh… das ist aber blöd, wir haben einen Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet, der von Leobersdorf nach Mödling fährt, dort fährt der Zug dann weiter.” OMG! Ich bin wirklich kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, und wer mich kennt, weiß, dass das sehr selten passiert. “WARUM BITTE HAT UNS DAS NICHT DIE SCHAFFNERIN IN LEOBERSDORF ERZÄHLT? DANN WÄREN WIR AUSGESTIEGEN UND MIT DEM BUS WEITERGEFAHREN!” – “Na das weiß ich nicht… aber um 10 Uhr 1 fährt eh wieder ein InterCity. Über Pottendorf.”

9.45 Uhr. In 15 Minuten beginnt die Vorlesung. In 16 Minuten fährt der Zug ab, der mich dort hinbringen soll, noch dazu mit einem 20-Minuten-Umweg. Wird knapp. Besten Dank, liebe ÖBB.

PS: 80 Minuten zu spät komme ich dann doch noch in der Vorlesung an. Die Vortragende ist selbst erst seit zehn Minuten da. Ihr Zug hatte Verspätung.

Category: Allgemeines
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  1. Cheesey sagt:

    LOL, geile Story, da hattest du ja echt nochmal Glück, dass die Vortragende auch im Zug saß^^. Ich glaub ich wär wieder heimgefahren ^^

    Ich mein, bei aller Liebe, ein Schaden kann leider immer passieren, da kann die ÖBB nix dafür. Vor allem blöd is es, wenn man noch nicht genau weiß, warum jetzt die Strecke nicht geht – werden ja auch erst herausgefunden haben, dass die Oberleitung defekt ist, geht ja leider nicht einfach so…

    Allerdings sind sie ziemlich unkoordiniert, was dann die weiteren Dinge betrifft. Is ja ned so, als würde sowas zum allerersten Mal passieren.

    Auch bei uns hat es am Bahnhof als ich nach Neustadt kam eine kleine Verwirrung gegeben: Gutensteiner, Bahnsteig 8a. Gut, es kommem 2 aneinandergehängte Landzüge an, ich denk mir: gut, der hintere is der Gutensteiner, der andere der Puchberger und steig ein. Andere Fahrgäste sind auch etwas verwirrt – weil ja 2 Züge da stehen, welcher könnt’s wohl sein?! Fragen nach. Lautsprecherdurchsage: Bahnsteig 6a, Gutenstein, 8a Puchberg. o_0, wtf? In dem Zug wo ich sitze steht Gutenstein oben am Laufschriftschild, auf dem Bahnsteig steht Gutenstein. Nochmal die Lautsprecherdurchsage.

    Ich sage einem alten, schwerhörigen Mann, dass er umsteigen sollte, wenn er nach Gutenstein will, geh wieder raus, wieder Lautsprecherdurchsagen, jetzt plötzlich: 8a hinterer Zug Gutenstein. Ich geh zu einem Schaffner (der vorher 2 Damen auf Bahnsteig 6 geschickt hat) frag ihn: Jaja, eh der am 8er da vorn -.-

    Also Koordination = 0

  2. orgi sagt:

    jep, ich sag ja, die schaffnerin und die schalterbeamtin können auch nix dafür, dass die oberleitung hin is. aber dass die passagiere allesamt nix von dem ersatzverkehr erfahren, und wieder heimfahrn aus leobersdorf ?? oder dass die tussi nix sagt von dem intercity, der in 2 minuten abfahrn würde – nach wien, wo wir alle hinwollten ? (anstatt dessen schickt sie uns mit der SCHNELLBAHN über pottendorf… ) dass das ned hinhaut is eindeutig ein fehler der öbb.

  3. Cheesey sagt:

    Jep, das liegt an der Kommunikation von denen. Denn offensichtlich hat die Dame am Schalter auch KP gehabt, was da grad abgeht. Weil viele Dinge kann man ihnen ned zuschieben. Manchmal geht halt einfach was kaputt oder funktioniert ned richtig, aber dafür sollte man sich vorbereiten…

  4. Pierre sagt:

    Ich hatte auch Verspätung aber erst um 12:30 Uhr, der Zug ist über die Pottendorferlinie gefahren und hatte 15 Min. verspätung. hielt sich in Grenzen. Dafür Zahlen wir ja einen haufen Geld für die Fahrkarten oder?

  5. LordRIP sagt:

    wie schon mehmals gesagt, kann wohl niemand was für das Oberleitungsproblem.. aber das mit der mangelnden Koordination is schon traurig.

    aber mal was anderes.. ich fahr so gut wie nie mit dem Zug, aber sogar ich weiß, dass jede halbe stunde um kurz nach Halb der IC nach wien fährt!

  6. orgi sagt:

    das is schon richtig – nur dass der über pottendorf umgeleitet wird kann man als öbb-kunde ned riechen. (die schaffnerin sollte das aber mitgeteilt bekommen, nachdem was passiert ist).
    wenn der ic nämlich seine normale route fahrt steht er erstrecht wie wir in leobersdorf und wartet. oder fährt erst gar ned weg. und auf gut glück setz ich mich ned in den zug wenn ichs eh schon eilig hab.

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